Der Verlust eines geliebten Menschen ist immer eine Zäsur, das Leben teilt sich in ein Davor und ein Danach. Was bedeutet es, wenn man einen Menschen durch Suizid verliert?
Inga Beig: Ein Suizid passiert oftmals sehr plötzlich, ein Mensch ist wie aus dem Leben gerissen. Selbst bei bekannter Suizidalität und vorangegangenen Suizidversuchen ist das tatsächliche Versterben immer ein Schock. Oftmals überwiegen bei Angehörigen bis zuletzt die Hoffnung und der Glaube, dass die Person es schafft. Danach fragen sie sich so gut wie immer: Was hat nicht gestimmt? Was hätte ich anders machen können, um es zu verhindern? Diese Fragen werden oftmals auch von außen an die Trauernden herangetragen.
Victoria Dichter: Anders als bei körperlichen Erkrankungen gibt es bei einem Suizid oft die Annahme, die Angehörigen hätten Einfluss auf die suizidale Entwicklung und deuten einen Suizid somit auch als ihr eigenes Versagen. Partner:innen, Eltern oder auch Freund:innen fragen sich, was sie übersehen haben.
Schuldgefühle spielen beim Verlust durch Suizid also eine große Rolle?
Victoria Dichter: Die Gedanken, etwas übersehen oder nicht ausreichend Unterstützung angeboten zu haben, können Ausdruck der Ohnmacht und Hilflosigkeit sein, die Angehörige oft empfinden.
Inga Beig: Dabei ist Suizid ein multikausales und hochkomplexes Thema. Er geschieht nicht, weil es diesen einen Konflikt oder dieses eine Problem gab. Das versuchen wir den Angehörigen mit unserer Arbeit zu vermitteln.
Ist es überhaupt möglich, einen Suizid zu verhindern?
Inga Beig: Suizide sind verhinderbar. Nicht alle, aber es ist möglich, Menschen mit Suizidgedanken zu unterstützen. Man sollte sie ansprechen, wenn man das Gefühl hat, sie könnten Suizidgedanken haben. Im besten Fall kann man damit ein Leben retten.
Victoria Dichter: Fest steht aber auch: Alles, was Angehörige machen können, sind Angebote. Nicht alle Menschen mit Suizidgedanken öffnen sich, beispielsweise weil sie denken, alles allein bewältigen zu müssen oder nicht zur Last fallen möchten. Wenn jemand den Strohhalm, den man ihm reicht, nicht ergreifen kann – dann ist es schwierig, diesem Menschen zu helfen. Gleichzeitig wollen wir das Umfeld ermutigen, immer wieder Unterstützungsangebote zu machen.
Trauer nach Suizid – was bedeutet das?
Inga Beig: Scham ist ein sehr großes Thema. Viele erzählen anderen nicht, was die Todesursache war. Weil scheinbar auch immer die Frage im Raum steht: Was hat bei denen in der Ehe oder in der Familie nicht gestimmt, dass sich eine:r das Leben nimmt? Angehörige berichten von Sprachlosigkeit und Neugier, die sie erleben. Uns wurde auch schon von Nachbar:innen erzählt, die die Straßenseite wechseln, um dem:der Trauernden nicht zu begegnen.
Nora Hauschild: Trauer ist an sich schon ein schweres Thema. Wenn Suizid als Todesursache dazukommt, wird die Sprachlosigkeit noch größer.
Wie kann man jemandem helfen, der einen Menschen durch Suizid verloren haben?
Inga Beig: Von Trauernden wissen wir: Ihnen hilft es, wenn jemand für sie da ist, der ihren Schmerz und ihre eigene Sprachlosigkeit aushält und auch mal stundenlang schweigen kann. Ein Mensch, der anerkennt, auf welche Weise die Person gestorben ist und die Situation mitträgt, ohne sie besser machen zu wollen.
Nora Hauschild: Was Trauernde wirklich wollen, ist den Menschen wiederhaben, den sie verloren haben. Das kann ihnen niemand geben. Wer trauert, fühlt sich oftmals ohnmächtig, wie taub und weiß nicht, was ihm:ihr helfen könnte. Praktische Unterstützung anbieten ist in dieser Situation sehr hilfreich. Anstatt Trauernde zu fragen ‚was brauchst du‘ kann man ihnen konkret vorschlagen ‚Ich erledige den Einkauf für dich‘ oder ihnen ein Essen bringen.
Und wenn man helfen will, sich aber selbst hilflos fühlt – was kann man tun?
Inga Beig: Offen ansprechen, dass es so ist. Freund:innen oder Nachbar:innen dürfen sagen ‚Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber ich wäre gern für dich da, um dir zu helfen‘. Es ist auch möglich, andere Menschen einzubeziehen, die unterstützen können.
Victoria Dichter: Zudem gibt es Hilfsangebote, auf die man aufmerksam machen kann, zum Beispiel den Krisendienst, Selbsthilfegruppen wie AGUS oder spezielle Angebote bei Trauer nach Suizid. Gerade für jemanden, dessen Partner:in, Elternteil, Kind oder andere wichtige Bezugsperson sich das Leben genommen hat, ist es wichtig zu wissen: Sie sind damit nicht allein, andere haben das auch durchgemacht. Es kann sehr helfen, sich mit Menschen auszutauschen, die ähnliches erlebt haben, vor denen man sich nicht erklären und rechtfertigen muss.
Jedes Jahr rund um den Welttag der Suizidprävention lädt FRANS zu einem überkonfessionellen öffentlichen Gedenken am Main ein. Warum ist eine solche Veranstaltung wichtig?
Inga Beig: Es ist wichtig, anzuerkennen, dass Suizide passieren. Sie sind Teil des Lebens, sie sind Teil der Stadt. Sie passieren mitten unter uns und oftmals auch an Orten, an denen man täglich vorbeikommt, entlangradelt, spazieren geht.
Nora Hauschild: Und es ist besonders wichtig, den Angehörigen und Betroffenen einen Rahmen für ihre Trauer zu bieten, unabhängig von Religion oder Weltanschauung. Einige berichten davon, noch nie so einen Raum gehabt zu haben. Nach einem Suizid empfinden sich Menschen in Trauer oftmals als ausgeschlossen. Mit der Gedenkveranstaltung schaffen wir einen Ort, an dem sie gemeinsam erinnern und trauern können.